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Bergarbeiter des 21. Jahrhunderts

by Peter Raffelt. Average Reading Time: about 4 minutes.

In einem Tweet meiner Kollegin Andrea Rungg (@ARungg) habe ich einen Satz gelesen, den unser Reporter Andrzej Rybak in der NDR-Sendung „Tod einer Zeitung“ geäußert hatte:

Die Journalisten sind wahrscheinlich die Bergarbeiter des 21. Jahrhunderts.

Da ich im visuellen Bereich der journalistischen Produkte tätig bin, habe ich mich gefragt, ob die Gestalter, Illustratoren, Bildredakteure und Fotografen, die diese Zeitungen und Magazine bis jetzt mit Inhalten füllen und in eine ansprechende Form bringen, auch dieses Schicksal teilen werden?

Journalisten: Bergarbeiter des 21. Jahrhunderts? Tweet von @ARungg

Viel wurde darüber geschrieben, dass wir eine Transformation, einen Übergang der Inhalte in digitale Kanäle erleben. Deshalb werden journalistische Arbeiten in den nächsten Jahren noch genauso gefragt sein. Das Ergebnis dieser Arbeit wird von Lesern und Betrachtern benötigt, um neue Erkenntnisse zu erlangen oder sich einfach nur unterhalten zu lassen. Im besten Fall einhergehend mit Lese- bzw. Wahrnehmungsfreude.

Und wir werden Menschen brauchen, die diese Inhalte gestalten, intelligent illustrieren und uns Themen fotografisch aufschließen. Denn die Flut an beliebigen Informationen, Bildern und Äußerungen hat durch das Internet zugenommen – zugegeben keine wirklich neue Erkenntnis.

Um so erforderlicher ist die professionelle, ansprechende, interessante und intelligente Einordnung der Themen, die mich als Leser beschäftigen.

Ich ärgere mich, dass wir zwar immer darüber lesen, die Menschen werden über Bilder angesprochen, dass wir den Leser durch gute Gestaltung dazu bringen, einen Inhalt überhaupt erst wahrzunehmen aber dann dieser Gestaltung und denjenigen, die damit zu tun haben, viel zu wenig zu Rate ziehen.

Wir erleben gerade den rasanten Anstieg der mobilen Nutzung unserer Inhalte, ohne uns entsprechend mit den richtigen visuellen Kommunikationsformen dieses Kanals zu beschäftigen. Erstmal raushauen, danach kann man immer noch darüber nachdenken, welches denn die geeignete Form ist.

Sicherlich hängt das auch mit der journalistischen Hackordnung zusammen, an dessen Pyramidenspitze der zu transportierende Inhalt – will sagen: Text – steht.

Als ich Ende der 1990er Jahre als Bildredakteur bei der Berliner Zeitung angefangen habe, hatte diese Zeitung gerade einen Design-Relaunch hinter sich. Sie war modern, leserfreundlich, sah gut aus. Aber man musste jeden Tag dafür kämpfen, dass es bei dieser gestalteten Qualität blieb, da der Drang mehr Text auf Kosten der zusätzlichen Elemente zu haben, immer noch sehr stark war.

Auch die Financial Times Deutschland musste diese gute Gestaltung erst einmal erschaffen oder besser erlernen. Das hat etwas gedauert, aber ich glaube, wir haben dafür nach einigen Jahren eine hervorragende Zeitung produziert. Aber auch hier haben wir immer wieder für gute Gestaltung, für gute Fotos, aus Blattmachersicht für die richtige Umsetzung, kämpfen müssen.

Dieser Kampf war zwar immer anstrengend aber er gehörte für mich dazu. Er ist mein Beruf, meine Profession, meine Leidenschaft. Zu meinen Aufgaben hat es gehört, Kollegen zu erläutern, wie Bilder wirken, warum ein Bild, dass die Geschichte „wiedergibt“ nicht unbedingt das beste Aufmacherbild zu ihrem Text ist. Die Sprache der Bilder musste jeden Tag neu übersetzt werden.

Es hat dazugehört, bei wichtigen und dramatischen Ereignissen nach dem Bild zu suchen, von dem wir später sagen würden, dies steht symbolisch für etwas, dies ist die Ikone unserer kollektive Erinnerung.

In den Einführungen neuer Kollegen habe ich von der Sprache der Bilder geredet und vom Respekt, den wir den Kolleginnen und Kollegen entgegenbringen sollten, die sich in und mit dieser Sprache der Bilder auskennen.

Denn unsere Schwierigkeit besteht darin, dass jeder diese Sprache benutzt – jeder fotografiert täglich mit dem Handy oder seiner Digitalkamera – und deshalb der Meinung ist, sich in dieser Sprache auszukennen. Der Satz „das hätte ich auch fotografieren können“ ist mir in meiner bildredaktionellen Laufbahn nur zu oft begegnet.

Die meisten haben aber nicht verstanden, dass es nicht darum geht, etwas nur zu fotografieren. Sondern darum geht, Bilder zu produzieren oder zu finden die einfach nur gut sind. Die journalistischen Wert haben, da sie in ihrer Sprache zu einem Erkenntnisgewinn beitragen, die gestalterisch gut sind, da sie mich ansprechen, mir sagen, beschäftige dich mit mir, beschäftige dich mit dem, was hier gezeigt und gesagt wird. Und langweile mich nicht!

Denn nichts langweilt so sehr wie Beliebigkeit.

Und damit wären wir wieder bei der Transformation der Inhalte für das Internet. Wir werden in den nächsten Jahren viele Menschen benötigen, die solche guten Inhalte erkennen, anfertigen und für die Nutzung im Internet, für Apps und Tablet-Veröffentlichungen produzieren. Die sich mit den Wahrnehmungsweisen der Menschen beschäftigen, die uns sagen, wo die Unterschiede in der mobilen gegenüber der stationären Nutzung des Internets liegen und welche Bilder, Grafiken und Illustrationen dafür benötigt werden.

Deshalb glaube ich nicht, dass Journalisten im weiteren Sinne – und Grafiker, Layouter, Bildredakteure und Fotografen im engeren – die Bergarbeiter des 21. Jahrhunderts sind.

Und dann habe ich der Kollegin folgenden Retweet geschrieben:

Journalist Bergarbeiter des 21. Jahrhunderts? Retweet

Zumindest die Printversion, die sich noch nicht neu erfunden hat.

5 comments on ‘Bergarbeiter des 21. Jahrhunderts’

  1. Heike Rost sagt:

    Lieber Peter Raffelt,

    ja. Zustimmung. Und Pflichtlektüre für viele Kollegen der Branche obendrein. Dreimal täglich lesen, noch besser: Ausdrucken, über den Schreibtisch hängen – als Gedächtnisstütze.
    Denn hohe Ansprüche an Geschichten, Beiträge, Fotos, Texte usw. sind das eine. Ich teile diese Ansprüche – aus verschiedenen Gründen, vor allem aber aus Leidenschaft für meinen Beruf.
    Aber: Sowohl Honorare für (oft freiberuflich erbrachte) Leistungen als auch Arbeitsbedingungen in vielen Redaktionen sind zunehmend mit den hohen Ansprüchen nicht mehr vereinbar.
    Wer im Bergwerk dauermalocht – um bei dem hübschen Bild zu bleiben – hat meist nur noch wenig Spielraum für Weiterentwicklung, Kreativität, Motivation und Innovation. Unabhängig vom individuellen Arbeitsverhältnis, unabhängig vom „Wollen“: Zum „Können“ gehört neben der Leidenschaft auch der passende Rahmen – der zu einem guten Teil aus schnöder Betriebswirtschaft besteht.

  2. Lieber Kollege Raffelt,
    Ihre Gedanken unterstreiche ich ohne Wenn und Aber. Was Sie schreiben, gilt nicht nur für die großen überregionalen, sondern auch für die regionalen Medien. Hier habe ich allerdings den Eindruck, dass die Avantgarde in der Regel auch wieder eher von freien unabhängigen journalistischen Projekten ausgeht als von den gewachsenen Häusern. Eigentlich kein Grund, zu jammern. Denn es belebt sich leider gegenwärtig sich immer mehr in einem medialen Einheitsbrei verwandelnde Presselandschaft.
    Mit bestem Gruß,
    Christoph v. Gallera, freier Kollege und „Macher“ des Mittelhessenblog

  3. Nachtrag: Die von mir geschätzte Kollegin Heike Rost hat den Blick natürlich aufs Wesentliche gelenkt: Die Finanzen. Sie hat recht. Im Kampf für eine bessere Finanzierung des Journalismus sollte man allerdings nicht nur die ÖR oder die privaten Sender oder eben die bekannten Blätter der Branche im Blick haben, sondern generell die Menschen, die sich darum bemühen, mit ihrem Wissen und Können Informationen zu sammeln, zu kanalisieren, zu moderieren, darzustellen, umzusetzen. Fehlt die Bereitschaft des Publikums, diese Arbeit nicht nur zu konsumieren sondern auch finanziell zu würdigen, dann muss hier eine Lösung her. Auf dem letzten DJV-Verbandstag wurde dafür die Grundung einer Arbeitsgruppe angestoßen. Ich denke nur, wir haben keine Zeit, solange zu warten. Deswegen lasst uns jetzt in breiter Front die Trommel rühren. Nicht für die ÖR, nicht für eine einzelne Zeitung, sondern generell für den Wert unserer Arbeit. Ganz egal ob nun Unternehmerjournalist, arbeitnehmerähnlicher Freier oder Freier…Beste Grüße, Christoph v. Gallera

  4. Korrektur: Im meinem ersten Kommentar hatte sich der Satzfehler eingeschlichen: Es soll im letzten Satz natürlich heißen:
    „Denn die so entstehende Vielfalt belebt die sich leider gegenwärtig immer mehr in einem medialen Einheitsbrei verwandelnde Presselandschaft.“

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